Sonntag, 3. Juni 2012
Sich mehr Zeit gönnen
Wie dem Burnout in hektischen Zeiten der Garaus gemacht
werden kann
Tim Mälzer, Hape Kerkeling, Sven Hannawald,
Sissi Perlinger oder auch David Garrett waren
irgendwann einmal beruflich ausgebrannt. Die Motoren
waren heißgelaufen, bis nichts mehr ging. "Burnout"
nennt sich das Phänomen unserer Leistungsgesellschaft.
Negativer Dauerstress ist sehr ungesund. Im Kernspin
konnten Forscher nachweisen, dass bei Depressionen,
die häufig damit einhergehen, das Gehirn verändert wird.
Der Hippocampus, der für das Lernen zuständig ist,
verkleinert sich. Beim gesunden Menschen bilden sich
im Hippocanpus täglich Tausende von Nervenzellen neu.
Bei Depressiven wird diese Vermehrung durch Stresshormone
gestoppt. Um das System wieder in Gang zu bringen,
genügt ausreichend körperliche Bewegung von dreimal einer
halben Stunde wöchentlich. Wer einen Psychotherapeuten
aufsuchen will, kann mit ihm bestimmte Gedankenmuster
enüben. Auch auf diese Weise lässt sich das gestörte
Netzwerk regenerieren. Die ständige Erreichbarkeit durch
Telefon, Handy, Inernet erzeugt Druck. Hinzu kommt zu
den äußeren Anforderungen der eigene Perfektionswahn.
Im schlimmsten Fall drohen Herzinfarkt, Schlaganfall oder
psychische Probleme, die zu körperlichen Störungen wie
Essstörungen oder Bewegungsunfähigkeiten führen können.
Auch Ohrgeräusche (Tinnitus), Schlaflosigkeit, Schwindel,
Konzentrationsprobleme und lähmende Kraftlosigkeit
können auftreten. Schon in der Kindheit wurde vielen
beigebracht, möglichst gut sein zu müssen. Dabei blieb
ein Konzept zur Entspannung und Entschleunigung auf
der Strecke. Ärzte, Politiker und Freiberufler sind
gefährdet, sich zu sehr zu verausgaben. Die einen, weil
sie helfen wollen. Politiker, weil sie unter Dauerbeobachtung
stehen und kaum einem vertrauen können. Und Freiberufler,
weil sie Existenzangst haben. Amelie Fried sagt hierzu: "Man
muss lernen, nein zu sagen. Nicht jede Anfrage, jedes
Angebot wahrnehmen. Genau das ist jedoch für Freiberufler
wie mich eine besonders große Versuchung." Zugunsten der
Familienplanung sagte die TV-Moderatorin eine eigene
Sendung bei SPIEGEL TV ab. Dieter Hildebrandt geht mit
85 Jahren als Kabarettist noch auf Tournee. Für ihn ist
es anstrengend, 160 Termine pro Jahr zu managen, aber er
hält sich für seinen eigenen Psychiater. Beim Jungautoren
Jan Brandt aus Berlin kam der Stress ausgerechnet mit dem
Erfolg. Als er seinen Durchbruch mit "Gegen die Welt"
hatte, musste er auf Lesereise gehen. Tag für Tag eine
andere Stadt. "Es bleibt keine Zeit zum Nachdenken",
skizziert er seine Situation. Früher hatte er viele Freiräume,
aber inneren Druck. Jetzt ist es umgekehrt. Für ihn bedeutet
Einsamkeit die größte Erholung. Die Schlagersängerin Stefanie
Hertel kennt Tourneestress. Sie pendelt sich beim Laufen,
Radeln, Skifahren oder Pilzesammeln im Wald wieder ein. Sie
leistet es sich heutzutage auch, das Handy einfach auszuschalten.
Es ist paradox: mit dem technischen Fortschritt kam der Stress.
Auch mit dem Überangebot an Waren oder Auswahl an Urlaubsmöglichkeiten.
"Wer die Wahl hat, hat die Qual", heißt es in einem Sprichwort.
Und genau das haben Wissenschaftler bestätigt. Heute gilt es
zum Schutz der Gesundheit, Eindrücke hinunterzufahren, zu
sich zu kommen oder Gemeinschaften zu pflegen, sich auszutauschen.
Die sogenannen "Freunde" aus Onlinecommunities sind kein Ersatz
für eine Umarmung, ein Lächeln, ein gutes Gespräch auf der
Straße. Die Seele baumeln lassen, bevor es zu spät ist, heißt
die Devise. Das kann für den einen die Einsamkeit sein, für den
anderen aber ein Treffen mit Freunden oder Sport oder das
Spiel mit den Kindern. Das erfordert zwar Mut, gegen den Strom
der Hektik zu schwimmen, lohnt sich aber. Weniger ist meist mehr.
(c) Corinna S. Heyn
Literatur: ab 8. Juni 2012
Angela Gatterburg/Annette Großbongardt (Hg.),
Diagnose Burnout. Hilfe für das erschöpfte Ich.
Deutsche Verlags-Anstalt 2012.
Preis: 14,99 EUro
www.dva.de
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