Homosexualität oder Schizophrenie werden häufig außen angesiedelt. Also durch die Erziehung oder durch die schwere Geburt. Der niederländische Hirnforscher Dick Schwab beschreibt in seinem Sachbuch „Wir sind unser Gehirn“, wie entscheidend eine gute Versorgung im Mutterleib ist. Damit sind nicht nur der Verzicht auf Alkohol und Zigaretten gemeint, sondern auch der auf Trash im Fernsehen und auf Aufregung. Viele Krankheiten führten Mediziner auf Komplikationen beim Geburtsvorgang zurück. Laut Schwab sind Hirnentwicklungsstörungen wie Schizophrenie aber meist genetisch bedingt.
Pädophilie ist Forschern bis heute ein Rätsel, doch kann sie durch einen atypischen Verlauf der Hirnentwicklung begründet sein. Es gibt im Gehirn von Pädophilen strukturelle Besonderheiten. Eine Studie mit Magnetresonanztomographie zeigte, dass in einigen Hirnregionen weniger graue Substanz (Nervenzellen) vorhanden ist. Manche Menschen sind aggressiver als andere. Auch dafür kann es Erklärungen in der Genetik geben. Jungen sind durch das Testosteron, das diese in der embryonalen Entwicklung selbst produzieren, aggressiver als Mädchen. Bei männlichen Straftätern liegen in 90 Prozent aller Fälle psychiatrische Störungen vor. Zwillingsstudien ergaben, dass genetische Faktoren entscheidend sind. Bei chinesischen Männern entdeckten Forscher bei einem Gen, das für die Wirkung vom Glückshormon Serotonin zuständig ist, eine kleine Veränderung. Daraus entwickelte sich eine antisoziale Persönlichkeitsstruktur mit extrem krimineller Gewaltbereitschaft.
Doch Schwangere können einiges tun, um spätere Aggressionen ihres Ungeborenen einzudämmen. Bei stark unterernährten Kindern liegt die Gefahr, antisozial zu werden, zweieinhalbmal so hoch.
Im Laufe der Entwicklung eines Heranwachsenden stellt sich noch eine Hürde mittels eines gefährlichen Hormoncocktails. Während der Pupertät steigt der Testosteronspiegel bei Jungen an und somit auch die Zahl der Morde. Wobei nicht jeder männliche Jugendliche gleich zum Mörder wird. Leider führen auch Krankheiten wie Borderline, Hirnschläge, MS, Demenz und Huntington zu aggressivem Verhalten. Schwab erklärt den Wechsel von der kritischen Journalistin zur gewaltbereiten RAF-Terroristin bei Ulrike Meinhoff mit ihrem Aneurysma im Gehirn. Der Neurochirurg hatte bei der OP zudem den präfrontalen Cortex verletzt. Zwei Ursachen für straffälliges Verhalten.
Damit wird bereits die Marschrichtung des Hirnforschers klar. Nein, der Mensch ist nicht völlig frei in seinen Entscheidungen. Seiner Ansicht nach trifft der Organismus diese. Bei Verliebten existiert tatsächlich eine Art Rauschzustand wie unter Drogen. „Liebe überfällt einen einfach mit ihrer Euphorie…“, so der Autor. Schon Spinoza (1632-1677) stellte fest, dass es einen freien Willen nicht gebe. „Unser Verhalten ist von Geburt an also schon zu einem wesentlichen Teil festgelegt“, meint Schwab. Die Frage ist nur, warum manche Menschen nach einem Autounfall – ohne Gehirnschaden – oder einem Schicksalsschlag ihr Leben radikal verändern. Der geldgierige Banker mutiert zum bescheidenen Almbauern und das Landei wandert nach Neuseeland aus. Oder ist auch das biologisch-chemisch erklärbar? Ein interessantes Buch, in dem sehr viele Themen (mütterliches Verhalten, sexuelle Orientierung, Pupertät, Süchte, Moral, Gedächtnis, Alzheimer, Tod) angerissen werden. Manches ist so spannend, dass eine Vertiefung wünschenswert gewesen wäre wie beim verliebten Hirn oder beim Autismus.
© Corinna S. Heyn
Dick Schwab,
Wir sind unser Gehirn.
Wie wir denken, leiden und lieben.
Droemer 2011.
www.droemer.de