Dienstag, 31. Juli 2012

Buchkritik: Manfred Spitzer, Digitale Demenz

Dauerbaustelle Gehirn

Neues aus der Hirnforschung von Professor Dr. Manfred Spitzer


Für Professor Manfred Spitzer ist das Gehirn wie ein Muskel. Es ist ständig
in Bewegung, wird verändert, umgebaut. Wer viel lernt, leistet dazu seinen
Beitrag. "Sie sind Ihr Gehirn", formuliert es der Wissenschaftler forsch. Die
Synapsen, wo Nervenimpulse weitergeleitet werden, ändern sich je nach
Gebrauch. Wer sie nicht nutzt, lässt sie verkümmern. Doch, so der Forscher,
Gehirnwachstum und das Nachwachsen von Neuronen sind nicht dasselbe.
Menschen, die viel trainieren, regen die Gehirnrinde zum Wachstum an.
Aber es bilden sich dort keine neuen Neuronen. Im Hippocampus hingegen
sterben sie am ehesten ab und werden auch eher durch neue Nervenzellen
ersetzt. Im Tierversuch an Ratten bildeten sich täglich 5000 bis 10.000
Nervenzellen täglich neu. Diese neuen Nervenzellen sind sehr lernfähig.
Das Gehirn sollte aber richtig gefordert werden. Mit dem Planen,
Organisieren oder damit, Vereinbarungen zu treffen. Kreuzworträtsel
oder das sture Auswendiglernen helfen wenig, um das Gehirn in Schwung
zu halten. Maschinen wie Navigationssysteme nehmen Arbeit ab. Dadurch
wird die eigene Ortskenntnis nicht trainiert. Google übernimmt ebenfalls
die Aufgabe, sich eigene Schlüsselbegriffe so logisch aneinanderzureihen,
um ein sehr spezifisches Ergebnis zu bekommen. Im sozialen Bereich
bedeutet das, dass so mancher Jugendliche bei einer sehr hohen Anzahl an
Facebook-Freunden immer weniger Freunde im realen Leben hat.
Spitzer hegt die Befürchtung, dass sich  heranwachsende Generationen
durch die Nutzung der sozialen Netzwerke sich sozial nicht normal
entwickeln werden. Das belegen neueste Studien von Ryota Kanai und Roy Pea,
aber auch der Neurowissenschaftlerin Abigail Baird aus New York. Das Internet
kann süchtig machen. Das begründet Spitzer mit der Unberechenbarkeit.
Niemand weiß, wer gerade online ist oder was gerade getwittert wird.
Ein negativer medizinischer Aspekt davon ist der Schlafmangel, mit dem viele
Krankheiten wie Diabetes, Übergewicht oder schlimmstenfalls sogar Krebs
einhergehen. Manfred Spitzer plädiert für einen "Internetführerschein".
Und dazu, das Leben zu genießen, zu singen, aktiv Musik zu hören, mit
Freunden zu essen und die digitalen Medeien zu meiden.
(c) Corinna S. Heyn


Manfred Spitzer,
Digitale Demenz.
Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen.
Droemer Verlag 2012.
Preis: 19,99 Euro

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